Wie funktioniert EMDR in der Traumatherapie?
- Francie Streit

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Vielleicht sind Sie im Zusammenhang mit Psychotherapie oder Traumatherapie bereits auf den Begriff EMDR gestoßen und haben sich gefragt - "Was ist EMDR und wie kann diese Methode helfen?".
In diesem Artikel erkläre ich Ihnen verständlich und ohne Fachsprache, wie EMDR funktioniert und was bei der Anwendung dieser Methode passiert.
Der Name klingt technisch, fast etwas geheimnisvoll. Gleichzeitig gehört EMDR heute zu den wissenschaftlich gut untersuchten und etablierten Methoden in der Traumatherapie.

Was bedeutet EMDR überhaupt?
EMDR steht für: Eye Movement Desensitization and Reprocessing (auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen) und wurde von Francine Shapiro, einer amerikanischen Psychotherapeutin entwickelt.
Auch wenn dieser Name umständlich und fast etwas geheimnisvoll klingt, betitelt er eine wissenschaftlich gut untersuchte Methode, die sich in der Traumatherapie etabliert hat.
Es handelt sich um eine psychotherapeutische Methode, die dabei hilft, belastende Erinnerungen und Erfahrungen zu verarbeiten.
EMDR wird heute nicht nur in der Traumatherapie eingesetzt, sondern kann – je nach individueller Situation – auch bei anderen psychischen Belastungen hilfreich sein.
Wie verarbeitet unser Gehirn belastende Erinnerungen?
Unser Gehirn verarbeitet Erlebnisse normalerweise ganz von selbst.
Belastende Erfahrungen werden eingeordnet, abgeschwächt und verlieren mit der Zeit an emotionaler Intensität.
Bei sehr stressreichen oder überwältigenden Situationen – etwa bei einem Trauma – kann dieser natürliche Verarbeitungsprozess jedoch gestört werden.
Die Erinnerung bleibt dann gewissermaßen „unverarbeitet“ gespeichert und kann später weiterhin starke Gefühle, Körperreaktionen oder belastende Gedanken auslösen. Dies kann sich auch noch Jahre nach dem ursprünglichen Ereignis zeigen.
Typische Folgen können sein:
innere Unruhe
Angst
starke emotionale Reaktionen
wiederkehrende Bilder oder Gedanken
Wie setzt EMDR genau hier an?
EMDR unterstützt das Gehirn dabei, diese festgefahrenen Erinnerungen neu zu verarbeiten.
Während der Sitzung wird die belastende Erinnerung bewusst aktiviert – jedoch in einem sicheren therapeutischen Rahmen.
Gleichzeitig erfolgt eine sogenannte bilaterale Stimulation, meist durch geführte Augenbewegungen.
Das bedeutet: Sie folgen mit den Augen bestimmten Bewegungen (z. B. der Hand der Therapeutin), während Sie innerlich bei der Erinnerung bleiben.
Warum werden Augenbewegungen bei EMDR eingesetzt?
Die genaue Wirkweise wird wissenschaftlich weiterhin erforscht. Es gibt jedoch gut nachvollziehbare Erklärungsmodelle.
Ein Erklärungsmodell geht davon aus, dass durch die bilaterale Stimulation Prozesse angeregt werden, die der natürlichen Verarbeitung im REM-Schlaf ähnlich sind.
Als REM=Rapid Eye Movement (auf Deutsch: wiederholte Augenbewegungen) wird eine Schlafphase bezeichnet, die mit intensiver Traumaktivität und Gedächtnisverarbeitung in Verbindung gebracht wird. In dieser Phase verarbeitet unser Gehirn Erfahrungen und Eindrücke des Alltags und ordnet sie neu ein.
Vereinfacht gesagt kann man sich diesen Prozess wie eine Art inneres „Aufräumen und Sortieren“ vorstellen: Erlebnisse werden eingeordnet, abgeschwächt und verlieren an emotionaler Intensität.
Die bilaterale Stimulation im EMDR-Prozess scheint ähnliche Verarbeitungsmechanismen anzuregen, wie der REM-Schlaf. Während eine belastende Erinnerung bewusst aktiviert wird, kann das Gehirn beginnen, diese neu zu verarbeiten und einzuordnen.
Ziel ist dabei nicht, Erinnerungen zu löschen, sondern die emotionale Belastung zu reduzieren und eine innere Entlastung zu ermöglichen.
EMDR kann das Gehirn dabei unterstützen, belastende Erinnerungen neu einzuordnen und dadurch eine spürbare emotionale Entlastung zu fördern.
Wie erleben Betroffene EMDR?
Viele Betroffene berichten, dass sich die Erinnerung nach der Verarbeitung: weniger intensiv, weniger bedrohlich und emotional entlastet anfühlt.
Nach der 1. Behandlung mit EMDR sagte ein Klient mal zu mir:
"Vorher war es wie ein Backstein auf meiner Brust - Jetzt ist es ein Kieselstein."
Eine andere Klientin beschrieb:
"Es fühlt sich an, als hätte man die Belastung wie einen Kaugummi vom Ereignis gezogen."
Wie läuft eine EMDR-Sitzung ab?
EMDR ist kein spontanes Verfahren, sondern wird sorgfältig vorbereitet. Sie werden durch die einzelnen Schritte professionell und einfühlsam begleitet.
Eine Sitzung umfasst typischerweise:
Vorbereitung und Stabilisierung
Zunächst wird gemeinsam geprüft, ob EMDR sinnvoll und passend ist. Sicherheit und innere Stabilität haben oberste Priorität.
Ressourcenarbeit
Hierbei wird zuerst ein positives Gefühl aktiviert und die Verbindung zur eigenen inneren Sicherheit hergestellt.
Aktivierung der Erinnerung
Sie richten Ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sequenz der Situation oder eine belastende Erinnerung. Dabei behalten Sie jederzeit die Kontrolle.
Bilaterale Stimulation
Augenbewegungen oder anderen Reizen (z. B. Handbewegung oder taktile Signale der Therapeutin) werden zur bilateralen Stimulation eingesetzt. Das Gehirn beginnt, die Erfahrung neu einzusortieren und zu verarbeiten.
Wahrnehmen der Veränderungen
Dadurch können sich Gedanken, Gefühle oder innere Bilder in Bezug auf dieses Ereignis verändern. Der Prozess wird therapeutisch begleitet und reflektiert.
Was passiert nach EMDR - Kommt die Belastung wieder?
Die häufigste Frage, die mir nach einer EMDR-Sitzung gestellt wird: "Und was ist, wenn das wieder kommt?"
In meiner Praxiserfahrung zeigt sich, dass nach dem Rückgang der emotionalen Belastung eine spürbare und anhaltende innere Entlastung bei den Betroffenen entsteht.
Gelegentlich kann es vorkommen, dass man nach einer EMDR-Sitzung noch ein oder zwei Nächte intensiver träumt. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass das Gehirn begonnene Verarbeitungsprozesse fortsetzt.
Viele meiner Klienten berichten, dass sie sich zwar noch an das Ereignis erinnern können, aber diese starke emotionale Reaktion und auch die damit verbundene Belastung deutlich nachgelassen hat oder ganz verschwunden ist.
Häufig entsteht der Wunsch, die Methode auch bei weiteren belastenden Erinnerungen anzuwenden. Daher fragen mich Klienten oft, ob wir auch noch andere Erlebnisse mit EMDR bearbeiten können.
Verliere ich dabei die Kontrolle?
Eine häufige Sorge – und eine wichtige Klarstellung: Nein.
EMDR ist keine Hypnose. Sie bleiben während der gesamten Sitzung bei vollem Bewusstsein und können den Prozess jederzeit unterbrechen.
Die therapeutische Begleitung sorgt dafür, dass die Arbeit mit belastenden Erinnerungen in einem sicheren Rahmen stattfindet. Dieser Prozess wird erst gestartet, wenn Sie dazu bereit sind. Sie haben die Kontrolle.
Wirkt EMDR als Traumatherapie wirklich?
EMDR gehört zu den wissenschaftlich gut untersuchten und evidenzbasierten Verfahren in der Psychotherapie. Die Methode wird international anerkannt und erfolgreich in der Behandlung von Traumafolgestörungen und anderen psychischen Belastungen eingesetzt.
Wie bei jeder Therapie gilt jedoch:
Nicht jede Methode passt für jede Person oder jedes Anliegen. Eine individuelle und professionelle therapeutische Einschätzung ist daher wichtig.
Ebenfalls sollte EMDR nie im Selbstversuch ausprobiert werden, da ohne fachlich ausgebildete Begleitung eine Retraumatisierung oder weitere Folgen entstehen können.
Für wen kann EMDR sinnvoll sein?
EMDR wird häufig eingesetzt bei: traumatischen Erfahrungen, belastenden Erinnerungen, Angstreaktionen und emotionalen Blockaden.
Ob EMDR für Ihre Situation geeignet ist, kann im persönlichen Gespräch geklärt werden.
Abklärung im Erstgespräch
Viele Menschen sind unsicher, wenn sie von EMDR hören – besonders wegen der ungewohnten Vorgehensweise.
Gleichzeitig erleben viele Betroffene die Methode als überraschend entlastend und hilfreich.
Wenn Sie Fragen haben oder überlegen, ob EMDR für Sie passend sein könnte, kann dies in einem Erstgespräch mit mir besprochen werden.

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